KI und Arbeitsmarkt: Was die IAB-Studie 2025 wirklich zeigt

KI und Arbeitsmarkt: Was die IAB-Studie 2025 wirklich zeigt

Table of Contents

Werden Roboter und KI-Systeme Millionen von Jobs vernichten – oder eröffnen sie neue Chancen? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat im Juli 2025 eine der bisher umfassendsten deutschen Studien zu genau dieser Frage vorgelegt. Das Ergebnis ist weder Katastrophe noch Euphorie – sondern ein differenziertes Bild, das Unternehmen und Beschäftigte kennen sollten.

Für den Forschungsbericht 23/2025 haben Gerd Zika und ein Autorenteam aus IAB, BIBB und GWS eine Szenarioanalyse über 15 Jahre entwickelt. Sie vergleichen, wie sich der deutsche Arbeitsmarkt mit und ohne breiten KI-Einsatz entwickeln würde. Die Zahlen sind konkret, die Schlussfolgerungen nüchtern – und für Unternehmensentscheider hochrelevant.

📊 Kernzahlen der IAB-Studie auf einen Blick

+4,5 Billionen Euro zusätzliche Wertschöpfung über 15 Jahre bei konsequentem KI-Einsatz
1,6 Millionen Arbeitsplätze vom Strukturwandel betroffen (Auf- und Abbau)
+110.000 / −120.000 IT-Dienstleister gewinnen, Unternehmensdienstleister verlieren Stellen
−900.000 Erwerbstätige weniger bis 2040 (demografisch bedingt – KI kann hier kompensieren)

4,5 Billionen Euro: Das wirtschaftliche Potenzial ist enorm

Die zentrale volkswirtschaftliche Botschaft der Studie ist eindeutig: Wenn Deutschland KI konsequent einsetzt, könnte das jährliche Wirtschaftswachstum im Schnitt um 0,8 Prozentpunkte höher ausfallen als ohne KI. Kumuliert über 15 Jahre ergibt das ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 4,5 Billionen Euro.

Woher kommt dieses Wachstum? Die Forscher identifizieren drei Hauptquellen: Materialeinsparungen durch effizientere Produktionsprozesse, eine höhere Arbeitsproduktivität durch KI-Unterstützung und – besonders wichtig – völlig neue Geschäftsfelder, die ohne KI nicht existieren würden. Das ist kein theoretisches Szenario, sondern eine konservative Modellrechnung unter realistischen Annahmen.

Für Unternehmen bedeutet das: Wer KI früh und strategisch einsetzt, profitiert nicht nur von Effizienzgewinnen. Er positioniert sich auch für neue Märkte, die gerade erst entstehen.

Wie viele Jobs gefährdet KI in Deutschland – wirklich?

Die häufig gestellte Frage „Wie viele Jobs vernichtet KI?“ beantwortet die IAB-Studie mit einer klaren Gegenfrage: Welche Jobs, in welchem Bereich, zu welchem Zeitpunkt?

Nach 15 Jahren liegt die Gesamtzahl der Arbeitsplätze im KI-Szenario auf nahezu demselben Niveau wie ohne KI. Das klingt beruhigend – verdeckt aber massive Verschiebungen. Insgesamt sind rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze vom Strukturwandel betroffen: Sie werden entweder aufgebaut oder abgebaut, teils in völlig anderen Branchen.

Konkret zeigt die Studie folgende Verschiebungen:

Gewinner: IT- und Informationsdienstleister gewinnen nach 15 Jahren rund 110.000 Arbeitsplätze gegenüber dem Referenzszenario. Der Aufbau von Rechenzentren, Modellentwicklung und KI-Integration schaffen Nachfrage nach technischen Fachkräften.

Verlierer: Unternehmensdienstleister – also z. B. Back-Office, Sachbearbeitung, einfache Verwaltungsaufgaben – verlieren rund 120.000 Stellen. Genau jene repetitiven, informationsverarbeitenden Tätigkeiten, die KI effizient übernehmen kann.

Zwei Beispiele aus der Praxis

Versicherung – Schadenssachbearbeitung: Heute prüft ein Sachbearbeiter eingehende Schadensfälle manuell, fordert Dokumente an, vergleicht Vertragsbedingungen und tippt Bescheide. KI-Systeme können Dokumente automatisch erfassen, Policen auslesen und Standardfälle ohne menschliche Intervention abschließen. Was ein Mitarbeiter bisher in 45 Minuten erledigte, schafft KI in Sekunden. Die Folge: Weniger Vollzeitstellen in der Sachbearbeitung – dafür neue Rollen als „KI-Trainer“, Qualitätssicherer und Ausnahmenfälle-Spezialisten.

Controlling – monatliches Reporting: In vielen Unternehmen verbringen Controller mehrere Tage pro Monat damit, Daten aus ERP-Systemen zu exportieren, in Excel aufzubereiten und Standardberichte zu formatieren. KI-gestützte Reporting-Tools automatisieren genau diese Schritte: Daten werden automatisch aggregiert, Abweichungen kommentiert, Dashboards aktuell gehalten. Der Controller verschiebt seinen Fokus vom Datensammeln zur Interpretation und Entscheidungsberatung – höherwertig, aber auch anspruchsvoller.

Der Zeitfaktor: Kurzfristig mehr Jobs, mittelfristig weniger

Die Studie beschreibt einen interessanten zeitlichen Verlauf, den viele aktuelle Debatten ignorieren:

In der kurzen Frist steigt der Arbeitskräftebedarf zunächst sogar an. Rechenzentren müssen gebaut, Daten aufbereitet, Modelle entwickelt und in bestehende Systeme integriert werden. Das schafft Arbeit – besonders für IT-Fachkräfte.

Im mittelfristigen Horizont greifen dann die Effizienzgewinne: Prozesse werden automatisiert, weniger Menschen erledigen dieselbe Arbeit. Hier sinkt der Bedarf in betroffenen Bereichen spürbar.

Langfristig – gegen Ende der 15-Jahr-Projektion – entstehen durch neue Geschäftsmodelle wieder neue Stellen. Die gegenläufigen Effekte gleichen sich insgesamt aus. Wer heute KI-Projekte startet, erlebt zunächst Mehrbedarf, dann Effizienzgewinne, dann neue Möglichkeiten.

KI vernichtet Jobs? Nicht so, wie viele denken

Besonders aufhorchen lässt ein Befund, der populären Vorstellungen widerspricht: Nicht die einfachen Hilfsarbeiter tragen das größte Automatisierungsrisiko durch KI – das war klassische Softwareautomatisierung. Generative KI trifft stärker hochqualifizierte Tätigkeiten.

Spezialistinnen und Spezialisten – also Berufsgruppen auf mittlerem Qualifikationsniveau – spüren den Rückgang zuerst. Langfristig sind es aber Expertentätigkeiten, bei denen das KI-Szenario die stärkste relative Verringerung gegenüber dem Referenzszenario zeigt. Analysen, Berichte, Recherchen, Entwürfe – all das kann KI in Teilen selbst übernehmen.

Das IAB weist aber darauf hin: Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen mit hohem Substituierbarkeitspotenzial ist zwar auf 38 Prozent gestiegen (2019 waren es 34 Prozent). Aber in der Vergangenheit führte hohes Substituierbarkeitspotenzial selten zu tatsächlichem Beschäftigungsabbau – eher zu verlangsamtem Wachstum.

Was das für Unternehmen konkret bedeutet

Für Entscheider: Der wirtschaftliche Nutzen von KI ist real und substanziell – aber er kommt nicht von alleine. Die Studie betont, dass Vorlaufinvestitionen in Infrastruktur und Weiterbildung notwendig sind. Unternehmen, die jetzt investieren, sichern sich den Produktivitätsvorteil des mittleren Horizonts und die Marktposition des langen Horizonts.

Für HR und Personalentwicklung: Die Verschiebung trifft nicht alle Mitarbeitenden gleich. Tätigkeitsprofile verändern sich – oft ist weniger Automatisierung das Ziel als vielmehr KI-Augmentierung: Menschen arbeiten schneller und besser mit KI-Unterstützung. Weiterbildungsmaßnahmen sollten jetzt eingeplant werden, bevor der Druck entsteht.

Für IT-Abteilungen: Der Aufbau von KI-Infrastruktur – Rechenkapazitäten, Datenmanagement, Modellintegration – schafft intern oder extern erheblichen Bedarf. Die 110.000 zusätzlichen Stellen im IT-Sektor sind auch ein Warnsignal: Fachkräfte in diesem Bereich werden knapper und teurer.

Demografischer Hebel: KI als Antwort auf den Fachkräftemangel?

Die Studie bettet die KI-Analyse in einen wichtigen Kontext: Deutschland wird bis 2040 demografisch schrumpfen. Das IAB-Basismodell (QuBe-Projekt) geht davon aus, dass bis 2040 per Saldo rund 900.000 Erwerbstätige weniger zur Verfügung stehen als heute.

KI könnte diese Lücke teilweise schließen – nicht durch Stellenabbau, sondern durch Produktivitätssteigerung. Weniger Menschen können durch KI-Unterstützung dieselbe oder höhere Wertschöpfung erzielen. Das ist kein Jobkiller-Szenario, sondern ein Effizienz-Szenario in einer alternden Gesellschaft.

Fazit: Transformation statt Revolution

Die IAB-Studie 2025 widerlegt sowohl die Katastrophenszenarien als auch den blinden Optimismus rund um KI am Arbeitsmarkt. Die Realität ist komplexer und erfordert aktives Handeln.

Die Kernbotschaften in Kürze: Das wirtschaftliche Potenzial ist enorm – 4,5 Billionen Euro über 15 Jahre sind kein Marketing, sondern wissenschaftliche Modellrechnung. Die Gesamtbeschäftigung bleibt stabil, aber rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze werden sich inhaltlich oder strukturell verändern. Hochqualifizierte sind stärker betroffen als bislang gedacht. Und der Zeitpunkt des Handelns entscheidet: Wer früh investiert, profitiert früher.

Handlungsempfehlung: Führen Sie jetzt eine ehrliche Bestandsaufnahme durch – welche Tätigkeiten in Ihrem Unternehmen haben hohes KI-Potenzial? Wo können Sie Effizienzgewinne realisieren, ohne Kernkompetenzen zu gefährden? Und welche Mitarbeitenden benötigen Weiterbildung, um mit KI-Tools produktiver zu werden?


Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), „Künstliche Intelligenz: Potenzielle Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt“ (IAB-Forschungsbericht 23/2025), Gerd Zika et al., 2025, lizenziert unter CC BY-SA 4.0. Der vollständige Forschungsbericht steht unter doku.iab.de kostenlos zum Download bereit.

Teile es